Vor- und Nachteile methodischer Ansätze in der Forschung zu sozialen Netwerkseiten

In den letzten Jahren hat sich die Anzahl der Forschungsarbeiten zu sozialen Netzwerkseiten wie Facebook rapide vervielfacht.  Aus sozial-, medien- sowie kommunikationspsychologischer Perspektive möchte man nicht nur wissen, WAS die Nutzer solcher Plattformen dort anstellen, sondern vor allem auch WARUM die Medien auf verschiedene Weisen genutzt werden und wie sie unser Miteinander beeinflussen. Welche methodischen Ansätze gibt es zur Untersuchung dieser Hintergründe und wie nützlich sind sie für das jeweilige Erkenntnisinteresse?

Im Rahmen meiner Dissertation (Einfluss von Freundesstatistiken auf Facebook) brüte ich gerade über einem methodischen Problem, welches mit dazu veranlasste mir mal über unterschiedliche Herangehensweisen in der bisherigen Forschung Gedanken zu machen und zu überlegen für welche Art von Problemstellung bzw. Erkenntnisinteresse sich diese eignen.

Die 4 hier vorgestellten Ansätze überschneiden sich teilweise und die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit (man könnte bzgl. der Problematiken mit Sicherheit noch stärker ins Detail gehen, aber das hier soll eigentlich kein Lehrbuch werden). Dies ist ein Produkt meiner bisherigen Recherchen und dem Versuch, das Ganze in meinem Kopf zu einer sinnvollen Ordnung zu bringen.

1. Selbstauskünfte

Will man wissen was jemand tut und warum, ist der erst logische Schritt: einfach fragen. Daher beinhalten viele Studien, die häufig die Produktion von Informationen und die Nutzungsmuster von sozialen Netzwerkseiten fokussieren, Selbstauskünfte der Befragten Personen.

Was ist das?

Selbstauskünfte können auf verschiedene Arten gegeben werden.  Tagebücher (wie bei Pempek et al., 2009) oder Interviews, in denen – natürlich etwas eleganter – gefragt wird „Was machst du auf Facebook und warum?“ sind Beispiele für qualitative Ansätze. Diese eignen sich hier besonders für Themen, mit denen sich die bisherige Forschung noch kaum befasst hat. Können die befragten Personen frei erzählen oder aufschreiben was ihnen in den Sinn kommt, kommen möglicherweise Aspekte zu Tage die vorher gar nicht berücksichtigt wurden.

Ein Beispiel für eine andere, quantitative Herangehensweise bei der die Selbstauskunft im Zentrum steht, sind Korrelationsstudien. Hier werden unverdächtig verschiedene Sachen abgefragt wie z.B. „Was machst du so auf Facebook?“ und „Wie bist du denn so als Mensch?“.  Mit dem Wundermittel der statistischen Analyse können wir dann so Aussagen machen wie „Leute, die als Menschen so und so sind nutzen auch viel Facebook“ – natürlich vorsichtig nur als Zusammenhang zu interpretieren. Nicht mit Kausalität verwechseln, vielleicht sind auch Leute die viel Facebook nutzen genau deswegen als Menschen so wie sie sind (dieses Beispiel illustriert den wohl am häufigsten unterschlagenen Aspekt wenn es um Medienberichterstattung von Forschungsergebnissen geht).

Welche Probleme bringt das mit sich?

Die selbstständige, direkte Auskunft der Nutzer zu den Gründen ihres Verhaltens – nicht nur in Bezug auf soziale Netzwerkseiten – hat 2 entscheidende Nachteile: Menschen wollen oder können oft keine Auskunft darüber geben, was für Arten von persönlichen Informationen sie teilen oder warum Sie bestimmte Posts liken und andere nicht. Sind die entsprechenden Auskünfte möglicherweise peinlich für den Erzählenden, kommt es zu sozial erwünschtem Verhalten; finden solche Prozesse nicht bewusst statt, kommt es zu Erinnerungsverzerrungen. Letzteres ist auch möglicherweise der Grund dafür, warum  Selbstauskünfte oft in Verbindung mit der Produktion von Informationen auf sozialen Netzwerkseiten (weniger mit der Wirkung dieser) verwendet werden.

Warum ist das trotzdem gut?

Auch wenn Selbstauskünfte gewisse Nachteile mit sich bringen, ist dies doch mitunter die ökonomischste Möglichkeit, die zugrundeliegenden psychologischen Prozesse differenziert zu erfassen. Während sich emotionale Zustände einigermaßen verlässlich physiologisch messen lassen, wird dies bei Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften schon schwieriger.  Reiner Behaviorismus ist einfach mittlerweile out. So kommen mittlerweile auch viele Studien, die unter „Verhaltensbeobachtung“ fallen, ohne irgendeine Form der Selbstauskunft gar nicht mehr aus.

 

Pempek, T. A., Yermolayeva, Y. A., & Calvert, S. L. (2009). College students‘ social networking experiences on Facebook. Journal of Applied Developmental Psychology, 30(3), 227–238. doi:10.1016/j.appdev.2008.12.010 

Utz, S., Tanis, M., & Vermeulen, I. (2011). It Is All About Being Popular: The Effects of Need for Popularity on Social Network Site Use. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 111011120412004. doi:10.1089/cyber.2010.0651 

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2. Labor-Experimente

Was ist das?

Will man nun klare Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge machen (also beispielsweise die Wirkung bestimmter Informationen auf einen Rezipienten), muss man Störfaktoren kontrollieren und darüber hinaus noch sicherstellen, dass ich genau weiß, welche Variable sich zuerst verändert hat (in der Regel auch „experimentelle Manipulation“ genannt). Wie man sicherlich beim Lesen merken wird, ist das nicht auf jede Art von Erkenntnisinteresse so einfach anzuwenden: Es würde wahrscheinlich – glücklicherweise – nicht jede Ethikkommission zustimmen, dass die zeitweise Senkung des Selbstwertes der Teilnehmenden durch wüste Beschimpfungen notwendig und sinnvoll ist, um zu untersuchen wie sich das auf die Darstellung der eigenen Person auf Facebook auswirkt. Es gibt andere gute Ansätze, beim Zusammenhang von Nutzungsmustern und Persönlichkeitseigenschaften Kausalitäten abzuleiten, z.B. Langzeitstudien. Aber um die geht es hier gar nicht, hier geht es um Experimente.

Wie sehen Laborexperimente im Kontext sozialer Netzwerkseiten aus? Man kann sich beispielsweise ansehen, welche Wirkung bestimmte Profilinformationen für einen potentiellen Betrachter beinhalten und wie sich diese auf die Beurteilung auswirken. Denn nur weil der Produzent die Informationen mit dem Ziel einstellt, besonders sympathisch und offenherzig zu wirken, heißt das ja noch lange nicht, dass der Rezipient das auch so sieht. So haben Studien beispielweise gezeigt, dass das Geschlecht kann schon den Eindruck über unbekannte Profilbesitzer beeinflusst (Sobieraj et al., 2012). Außerdem scheint das was unsere Freunde über uns sagen einen Betrachter stärker zu beeindrucken als das was wir selbst von uns Preis geben, Walther et al., 2009 (nach dem Motto: „Das kann ja jeder behaupten“).

Was bringt das für Probleme mit sich?

Laborexperimente in dem Bereich arbeiten oft mit sog. Vignetten, d.h. mock-ups von Profilen, Seiten, Empfehlungen etc. die aller möglichen Störfaktoren beraubt werden. Für die interne Validität ist das wunderbar, für die Generalisierbarkeit oder die externe Validität nicht so sehr. Gerade auf Facebook können wir beispielsweise so keine Aussagen darüber machen, welche Auswirkungen Informationen von/über Freunde auf die Wahrnehmung und das Verhalten eines Betrachters haben, denn Vignetten eignen sich oft nur für eher unbekannte und wenig dynamische Stimuli.

Warum ist das trotzdem gut?

Die anfänglichen Ausführungen implizieren eigentlich schon, dass ein gut geplantes Experiment Kausalitätszuschreibungen zulässt. Basierend auf der Literatur werden diese idealerweise so geplant, dass du die Wirkung der Manipulation Indizien für die zugrundeliegenden psychologischen Mechanismen abzuleiten sind, ohne diese direkt abzufragen.

 

Walther, J. B., van der Heide, B., Hamel, L. M., & Shulman, H. C. (2009). Self-Generated Versus Other-Generated Statements and Impressions in Computer-Mediated Communication: A Test of Warranting Theory Using Facebook. Communication Research, 36(2), 229–253. doi:10.1177/0093650208330251

Sobieraj, S., Eimler, S.C., & Krämer, N.C. (2012). Agency versus Communion – Different Perceptions of Male versus Female Business Network Profiles. 48. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, 23-27.September 2012, Bielefeld.

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3. Feld-Experimente

Was ist das?

Eigentlich folgt das Feld-Experiment dem gleichen Prinzip wie das Laborexperiment, jedoch findet das Ganze in natürlicher Umgebung – im Falle sozialer Netzwerkseiten also idealerweise auf der Plattform selbst – statt. Es bekommt hier aber trotzdem einen eigenen Punkt, weil sich die Voraussetzungen für und entstehenden Möglichkeiten durch Feldexperimente grundlegend von Laborexperimenten unterscheiden.

Wie kann sowas aussehen? Bond et al., (2012) berichten eine Studie, in der untersucht wurde wie Facebook-Nutzer auf verschiedene Arten von Mobilisierungs-Kampagnen im Rahmen der US Kongresswahlen 2010 reagieren. Beinhaltete die Kampagne eine Freundesstatistik (Freunde die ebenfalls gewählt haben) im Gegensatz zu einer generellen Information zu Wahl, klickten die Rezipienten häufiger selbst auf den „Ich habe gewählt“-Button und riefen eher weiterführende Informationen zum Thema auf.

Was bringt das für Probleme mit sich?

Beim Feld-Experiment wissen die Teilnehmenden oft gar nicht, dass sie teilnehmen (was in bestimmten Fällen rein ethisch schon problematisch sein kann). Die Möglichkeit zur Extraktion von brauchbaren Informationen ist darüber hinaus begrenzt. Zum Einen weil die Teilnehmenden oft nicht zusätzlich selbst befragt werden können (d.h. hier wird eher mit Beobachtungen als Selbstauskünften gearbeitet). Das bedeutet gleichzeitig, dass ich schauen muss, wie ich meine Stichprobe eingrenze oder aber nachträglich Informationen darüber bekomme. Zum anderen ist denkbar, dass die Verhaltensweisen die ich untersuchen möchte nicht einfach öffentlich zugänglich sind.

Darüber hinaus gilt für das Feldexperiment, dass die interne Validität, z.B. die Kontrolle von Störfaktoren, beim Feldexperiment immer etwas schwieriger ist als beim Laborexperiment.

Warum ist das trotzdem gut?

Ein Feld-Experiment kann die Nachteile eines Labor-Experimentes bzgl. der externen Validität ausgleichen.

 

Bond, R. M., Fariss, C. J., Jones, J. J., Kramer, A. D. I., Marlow, C., Settle, J. E., & Fowler, J. H. (2012). A 61-million-person experiment in social influence and political mobilization. Nature, 489(7415), 295–298. doi:10.1038/nature11421

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4. Verknüpfung von Verhaltensbeobachtung im Feld und Selbstauskünften

Was ist das?

Ich fasse unter diesem Punkt Ansätze zusammen, die sich zum einen Informationen im Feld ansehen, um diese im zweiten Schritt mit Daten aus Selbstauskünften verknüpfen. So lassen sich subjektive Daten mit objektiven Beobachtungen verknüpfen.

Beispielsweise kann man sich die Profile verschiedener Nutzer ansehen, auszählen und kodieren was die Menschen dort von sich Preis geben und zusätzlich den Profilbesitzer/die Profilbesitzerin um eine Selbstauskunft (z.B. per Fragebogen) bitten. Anschließend wird zwischen beiden eine Beziehung (Korrelation) hergestellt und so könnte man dann beispielsweise schließen, dass die Selbstwirksamkeit in Bezug auf die Selbstdarstellung in Beziehung dazu steht, wie detalliert jemand sein Profil ausschmückt oder welche Art von Profilfoto verwendet wird (Krämer & Winter, 2008).

Was bringt das für Probleme mit sich?

Spontan fallen mir dazu gar nicht so viele generalisierbare Probleme ein. Natürlich gilt auch hier Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Ein oft unterschätztes praktisches Problem ist die Rekrutierung von Teilnehmenden, der oft eine Freundschaftsanfrage vorausgeht, damit die entsprechenden Informationen eingesehen werden können. Es ist denkbar, dass viele Personen damit ein Problem haben oder besorgt sind, dass nicht andere, vorher nicht angekündigte Informationen erfasst und verarbeitet werden.

Warum ist das trotzdem gut?

Wenn man dies mal mit den anderen Ansätzen vergleicht, umgeht man durch die Beobachtung im Feld auch gewisse mit Selbstauskünften verknüpfte Problematiken wie z.B. Erinnerungsverzerrungen. Mir selbst fallen nur Studien ein, die sich mit der Produktion von Informationen befassen, allerdings denke ich dieser Ansatz ließe sich auch gut für die Untersuchung der Rezeptionsseite verwenden (unter Berücksichtigung der o.a. Einschränkungen).

 

Krämer, N. C., & Winter, S. (2008). Impression Management 2.0. Journal of Media Psychology: Theories, Methods, and Applications, 20(3), 106–116. doi:10.1027/1864-1105.20.3.106 

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Fazit

Mein eigenes methodisches Problem besteht leider nach wie vor. Der von mir untersuchte soziale Einfluss ist ein Thema, wo man stark mit sozial erwünschten Antworten, ggf. auch Reaktanz rechnen muss. Gleichzeitig möchte ich aber – zumindest teilweise – ins Feld, denn sonst kann ich nicht mit Freundesstatistiken arbeiten. Ich denke aber dass ich mich durch das Abwägen verschiedener Beispiele und der darin verwendeten methodischen Ansätze von verschiedenen Seiten der idealen Lösung nähere. Die Ergebnisse gibt es dann hier. Hoffentlich.

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