„Von dir sieht man ja auch immer nur Urlaubsfotos“ – Facebook und das Klassentreffen

Man merkt spätestens dann, dass man sich nicht mehr lange vorm Erwachsen werden drücken kann, wenn man zum 10-jährigen Abitreffen eingeladen wird. Ich ging mit gemischten Gefühlen zu diesem Event und verließ es mit sehr positiven Eindrücken – und habe mir im Nachhinein einige Gedanken über die Rolle von Facebook bei solchen Treffen gemacht.

Einige Tage vorher führte ich ein Gespräch zum Thema Klassentreffen mit jemandem aus einer früheren Generation. Dies verdeutlichte mir, mit welchen veränderten Voraussetzungen meine Generation heute „arbeitet“: Wusste man früher gerade mal von einer Handvoll Leuten, wo und mit wem sie sich grad in der Welt rumtreiben, hat man heute schon eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wer wo arbeitet, wer Familie gegründet hat und wer was zum Frühstück isst. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wuchs in mir die Befürchtung: Wir sehen uns nach 10 Jahren zum ersten Mal alle wieder – und haben uns nichts zu erzählen. Denn wir wissen ja schon alles.

„Von dir sieht man ja auch immer nur Urlaubsfotos“

Dies war eine der ersten Feststellungen, mit denen ich konfrontiert wurde. Witzigerweise war ich tatsächlich kürzlich im Urlaub gewesen, deswegen basierte diese Beobachtung meiner Gesprächspartner zum Teil sicherlich auch auf verzerrter Wahrnehmung. Aber wenn man mal darüber nachdenkt – und Studien belegen dies – teilen wir auf Facebook gern die positiven Sachen, die in unserem Leben passieren. Dazu gehören sicherlich: Urlaub, Karriere, Hochzeit, und Kinder.

„Da wird man ja neidisch!“ – auch dafür gibt es empirische Belege. Neidisch werden muss man aber eigentlich nicht, denn der Deal ist folgender: Wir posten alle das, was grad gut bei uns läuft. Natürlich bekommen wir von anderen so auch nur das mit, was gerade bei denen gut läuft. Negatives ist nur in unserem eigenen Leben präsent, allen anderen geht es besser – so zumindest der Eindruck. Auch eine Form verzerrter Wahrnehmung! Einfach mal durch den eigenen Newsfeed scrollen und Revue passieren lassen was man selbst in den letzten Monaten Tolles erlebt hat, könnte dabei durchaus helfen.

Bestimmt Facebook, mit wem ich reden will?

Die erste Beobachtung, die ich an mir selbst an dem Abend machen durfte: Urlaubs- und Babyfotos, aber auch sonstige Info-Schnipsel, die man schon über Facebook aufgeschnappt hat, sind tolle Conversation Starter, machen diese als solches aber nicht überflüssig (von „Ich war auch schon auf Kuba“ bis „Wie kommt ihr mit dem Haus voran“?).

Zwischenzeitlich erwischte ich mich dabei, eine mentale Liste anzulegen und abzuarbeiten: Leute, mit denen ich noch über etwas sprechen wollte, was sie kürzlich geposted hatten bzw. was mir noch akut im Gedächtnis geblieben war. War ich dabei, mir meine Gesprächspartner an dem Abend aktiv danach auszusuchen, was mir durch die Online-Inhalte über ihre aktuelle Situation bekannt war? Rückten dadurch Aspekte wie frühere gemeinsame Erlebnisse in den Hintergrund? Im Laufe der zahlreichen Stunden, die wir gemeinsam auf diesem Treffen verbrachten, machte ich durchaus beide Erfahrungen.

Darauf basierend muss ich mich auch eigentlich kritisch fragen, ob ich gewisse Gespräche vermied, basierend auf dem was jemand bei Facebook von sich preisgegeben hatte (statt die Selektion wie sonst danach vorzunehmen, welche schlechten Erinnerungen man mit diesen Personen verband ;)). Danah boyd hat mal ein paar interessante Gedanken dazu niedergeschrieben wie uns Inhalte eines Facebook-Profils davon abhalten können, jemanden überhaupt kennenlernen zu wollen. Können sie auch dafür sorgen, dass ich jemanden nicht wiedertreffen möchte?

Facebook verrät nicht alles

Im Rückblick auf die unterschiedlichsten Gespräche an diesem Abend konnte ich feststellen, dass man durch Facebook doch noch nicht alles mitbekommen hatte, was das Leben des Gegenübers gerade ausmacht oder in den letzten Jahren ausgemacht hat. Das finde ich beruhigend. Auch wenn Facebook-Profile sehr authentisch gestaltet sind und eine Person – dem Empfinden der Beobachter und Profilinhaber nach – angemessen repräsentieren kann, bleibt da doch noch der „Rest“.

Der Rest, den man nicht mit aller Öffentlichkeit teilen will. Der Rest, der nur für bestimmte Freunde bestimmt ist – gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse. Der Rest, der das Bild erst rund macht :)

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