Selbstdarstellung im Internet – ein Randphänomen?

Immer wieder fallen außergewöhnliche Beispiele dafür auf, wie sich Menschen durch Fotos, Like-Aktionen oder ähnliche Inhalte in besonderer Weise und aus unterschiedlichen Motiven heraus im Internet inszenieren. Die gezielte Selbstdarstellung ist allerdings kein Randphänomen sondern Teil unseres alltäglichen Lebens – und das Internet gibt uns auf verschiedene Arten die Möglichkeit, sie zu betreiben.

Was ist Selbstdarstellung?

In der Alltagssprache etwas negativ konnotiert weil oft mit „in den Vordergrund drängen“ oder „schauspielern“ assoziiert, beschreibt der Begriff Selbstdarstellung (engl.: self-presentation) eigentlich einen alltäglichen – oft unbewussten – psychologischen Prozess, dem sich die wenigsten von uns entziehen können. Die Idee der Selbstdarstellung geht zurück auf den Soziologen Erwing Goffmann, der es definierte als: “to convey an impression to others which it is in [our] interest to convey” (Goffman, 1959, S. 4).

Die Art und Weise wie wir uns verhalten und uns selbst geben, beeinflusst wie andere Menschen auf uns reagieren. Wir arbeiten also im Prinzip ständig daran, uns so zu geben dass der für uns günstigste Outcome entsteht, indem wir den Eindruck steuern, den andere von uns bekommen (aus diesem Grund bezeichnet man diesen Prozess auch oft als Impression Management). Selbstdarstellung beschreibt dabei aber nicht unbedingt das gezielte Täuschen und Schauspielern (oder wie Goffman es nannte: Theaterspielen) zur Beeinflussung anderer, sondern es basiert auch immer auf einem Teil darauf, wie wir uns selbst sehen und hat den Zweck, unser Selbstbild zu festigen.

In der alltäglichen Kommunikation nutzen wir verschiedene Mittel zur Selbstdarstellung. Wir kleiden uns, reden und geben uns so wie es für die Situation und das entsprechende Publikum am besten passt, bewusst oder auch unbewusst. Aber auf viele Aspekte haben wir keinen Einfluss. Das Zittern der Stimme bei Nervosität oder auch unmittelbare, oft emotionale Reaktionen unterliegen nicht immer unserer Kontrolle. Daher folgt die Selbstdarstellung im Internet oft anderen Regeln.

Selbstdarstellung im „Web2.0“

Mittel zur Selbstdarstellung

Soziale Netzwerkseiten wie Facebook oder Google+ dienen der Vernetzung und Kommunikation der Nutzer untereinander und stellen für jeden Nutzer Mittel bereit, Selbstdarstellung zu betreiben, wie z.B.:

  • Die Art des Profilfotos
  • Die Darstellung von Beziehungen und Kontakten (Stichwort: Freunde-Sammler)
  • Gruppenzugehörigkeiten
  • Persönliche Informationen
  • Das Kontrollieren von Informationen, die andere Nutzer über uns posten (z.B. ent-taggen von Fotos)

Unterschiede zur Offline-Kommunikation

Durch die Möglichkeiten des Mediums und die Strukturen sozialer Netzwerkseiten wie Google+ oder Facebook kommen gewisse Unterschiede zwischen der Selbstdarstellung offline und online zum Tragen:

  • Wir haben größere Kontrolle über das was wir schreiben, posten oder sonstwie kommunizieren als im offline-Kontext, wo man ein nervöses Zittern in der Stimme oder eine emotionale Reaktion nicht immer steuern kann.
  • In anonymen Online-Umgebungen ist es möglich, komplett neue Identitäten zu erschaffen. Auf sozialen Netzwerkseiten hingegen agieren die meisten Nutzer in einem Netzwerk von Bekannten und Freunden aus ihrem Offline-Leben. Würden wir hier Lügen über uns verbreiten um uns positiv darzustellen, würde das sehr schnell entlarvt werden.
  • Während wir offline in der Regel wissen wer uns gegenübersteht, können wir nicht immer abschätzen wer sich unser Facebook-Profil im Detail anschaut oder wer unsere Postings liest. Während bei Google+ die Einteilung von Kontakten in unterschiedliche Gruppen gang und gäbe ist, wird diese Funktion bei Facebook noch eher selten genutzt. Neben handfesten Konflikten, die z.B. entstehen wenn jemand nicht darüber nachdenkt, dass evtl. auch der Chef es lesen könnte wenn man bei Facebook darüber schreibt, dass man grad unberechtigterweise krank feiert, birgt die potentielle Anzahl unterschiedlicher „Empfänger“ unserer Selbstdarstellung auch ein Problem dafür, auf wen wir unser Impression Management zuschneidern sollen.

Konsequenzen für die Selbstdarstellung

Die oben genannten Aspekte haben unterschiedliche Konsequenzen dafür, wie wir unsere Selbstdarstellung (z.B. auf Facebook) gestalten:

  • Für viele Nutzer ist Authentizität einer der wichtigsten Aspekte bei der Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerkseiten, trotzdem darf ein bißchen beschönigt werden. So tendieren Nutzer dazu, bzgl. der physischen Attraktivität ein eher ehrliches Bild vermitteln zu wollen. Beschönigt wird bei den Eigenschaften Humor, Offenheit und Lässigkeit, negativ dargestellt werden Aspekte wie Verlässlichkeit und Strebsamkeit.
  • Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerkseiten ist etwas, was strategisch und reflektiert stattfindet. Nutzer machen sich oft ausführlich Gedanken darüber, was sie posten und wer das sehen könnte.
  • Aufgrund der hohen Anzahl potentieller Leser schränken manche Nutzer einfach die Menge an Informationen ein, die sie über sich Preis geben.

Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerkseiten und Persönlichkeit

Auch wenn wir alle auf gewisse Weise Selbstdarstellung im Internet betreiben, hängt es von der Persönlichkeit ab, wie und wie stark wir dies tun:

  • Narzissten tendieren besonders stark dazu, sich auf den eigenen FB-Profilen in einem positiven Licht darzustellen.
  • Bei einer Untersuchung auf MySpace fand man heraus, dass Nutzer mit hohem Selbstwert mehr Wörter zu Selbstbeschreibung nutzten und mehr Fotos von Promis ins eigene Profil einbanden.
  • Extrovertierte Nutzer haben bei einer Untersuchung von StudiVZ Profilen außergewöhnlichere Profilfotos gezeigt (z.B. Schwarz/Weiß-Fotos). (Krämer & Winter, 2008)

Nicht jede Art von Selbstdarstellung muss also zwangsweise in freizügigen Selbstportraits resultierenden. Extreme Selbstinszenierung online ist eher ein Sonderfall und ggf. noch mit anderen Motiven verbunden, die über das reine Impression Management hinaus gehen.

Wer mehr wissen will:

  • Leary, Mark (1995). Self Presentation: Impression Management and Interpersonal Behavior. Westview Press.
  • Krämer, Nicole C.; Winter, Stephan (2008). Impression management 2.0: The relationship of self-esteem, extraversion, self-efficacy, and self-presentation within social networking sites. Journal of Media Psychology: Theories, Methods, and Applications, Vol 20(3), 2008, 106-116. doi: 10.1027/1864-1105.20.3.106
  • Mummendey (1995). Psychologie der Selbstdarstellung. Hogrefe Verlag

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