Privatsphäre Online: Crowdfunding einer Doktorarbeit

Privatsphäre online ist aktuell ein sehr heißes Thema für uns alle. In der Forschung befasst man sich natürlich schon seit Jahren damit, aber gerade vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen ergeben sich hier vielleicht ganz neue Möglichkeiten: Forschung, die uns alle interessiert mit Hilfe von Crowdfunding finanzieren – eine sehr schöne Idee!

Gute Forschung ist teuer. Das betrifft nicht nur die Arbeit mit abgefahrenen Zukunftstechnologien, sondern auch basale, scheinbar einfach Befragungen mit soziologischem oder psychologischem Hintergrund. Mal abgesehen von der Arbeitskraft die in eine relevante Fragestellung, einen guten Fragebogen und in ein cleveres Design fließt, ist vor allem die Rekrutierung einer angemessenen Stichprobe (zur Verallgemeinerung der Ergebnisse) ein sehr großer Arbeits- und Kostenfaktor. Nicht selten wird deswegen bei kleineren Arbeiten (die nicht durch größere Projekte (mit-)finanziert werden) auf sog. „convenience samples“ zurückgegriffen – das sind meistens Studierende, die für ihre Teilnahme an Studien einige Creditpunkte bekommen. Beforscht man allgemeine psychologische Mechanismen (bei denen man nicht davon ausgeht, dass diese durch Faktoren wie Alter, Beruf o.ä. beeinflusst werden) ist dies vielleicht weniger kritisch zu sehen – bei globalen, kulturell und durch das Alter geprägten Verhaltensweisen und Phänomenen komme ich mit convenience samples nicht weiter. Was also tun, wenn keine Forschungsgelder für mein Thema zur Verfügung stehen (und ich keine Möglichkeit oder die Zeit habe, welche zu beantragen)?

Privatsphäre Online

Ist die eigene Forschungsarbeit nah genug an aktuellen gesellschaftlichen Themen (oder kann ich sie als solche verkaufen), kann man sich genau das eventuell zunutze machen. Letzte Tage stieß ich auf einen Doktoranden (Ph. D.) aus Colorado, der genau das versucht.

Cory Robinson bittet für die Durchführung der Studie für seine Dissertation die Allgemeinheit um Hilfe – warum nicht, bei zahllosen anderen Projekten hat dies schließlich schon funktioniert. Er möchte sich mit dem Thema Privatsphäre online befassen und dazu den Umgang mit privaten Informationen im Netz zwischen US-Amerikanern und Estländern vergleichen. „define privacy as a basic human right“ ist der größere Zweck, dem diese Forschung dienen soll. Das klingt zunächst sehr hoch gegriffen, aber Forschung passiert nunmal kleinschrittig und ist nichts für ungeduldige Gemüter. Der erste Schritt ist ein Blick in die Art und Weise, wie unterschiedliche Kulturen dieses Thema wahrnehmen und wie damit umgegangen wird. Der Vergleich mit Estland bietet sich an, weil laut Robinson der Umgang mit digitalen Technologien dort einen sehr interessanten Blick in die Zukunft darstellt. Wie sagte noch ein bekannter Digital Rights-Aktivist in seiner Weihnachtsansprache vor ein paar Tagen? Es wird eine Generation von Kindern geboren, die gar nicht mehr weiß was Privatsphäre eigentlich bedeutet – wie gehen wir in Zukunft damit um oder gehen wir dagegen an?

Das sind nicht nur moralische Fragen sondern auch solche, denen sich die Forschung zu widmen hat und deswegen möchte ich dazu beitragen, auf dieses Crowdfunding-Projekt aufmerksam zu machen. Ich persönlich hätte gern noch weitere Informationen über die genaue inhaltliche Ausrichtung der Fragebogenstudie und wie das mit dem Großen Ganzen im Zusammenhang steht (Anfrage dazu ist raus), trotzdem halte ich den Zweck für teilens-wert. Wer macht mit? :) Knapp 40 Tage lang läuft das Ding noch auf Indiegogo.

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