Macht Facebook uns zu Egoisten?

Die Auswirkungen der Kommunikation in sozialen Medien wird umfassend beforscht und öffentlich diskutiert – macht sie uns glücklich, unnahbar, abhängig oder neidisch? Eine neue Studie zeigt jetzt Indizien dafür, dass das Posten in sozialen Medien  (genauer gesagt: one-to-many Kommunikation ) egozentrisch machen könnte.

Social Media als Monolog?
Im Rahmen der Kommunikation in sozialen Medien kommt es nicht selten vor, dass man Infos, Fotos und Videos in die Welt schickt, ohne vorher genau zu wissen, wer sich diese anschauen wird. Mit dieser one-to-many Kommunikation befassen sich die Autoren zweier Studien der National Sun Yat-sen University in China, also dem Posten von meist öffentlichen Nachrichten, die an ein breites, nicht näher bekanntes Publikum gerichtet sind (im Gegensatz zur one-to-one Kommunikation). Die  Autoren gehen davon aus, dass aufgrund des nicht näher definierten Publikums das Posten in sozialen Medien eine Art „Monolog“ darstellen kann, da wenig Interaktion stattfindet. Wir befassen uns also weniger mit den Interessen und Gefühlen derjenigen, die unsere Nachricht lesen könnten, sondern eher mit unserem eigenen Befinden. Die daraus resultierende Aufmerksamkeit auf die eigene Person kann – so die Argumentation der Autoren – zu egozentrischer Wahrnehmung führen und unser Verhalten entsprechend beeinflussen.

Die Studie
Tatsächlich konnten sie in zwei Studien mit Facebook-Nutzern Effekte beobachten, die diese Annahme stützen. Im ersten Experiment handelten Teilnehmende nach dem Posten eines an die allgemeine Öffentlichkeit gerichteten Status-Updates auf Facebook bei einem Vertrauensspiel selbstsüchtiger als solche die keinen Post veröffentlicht hatten. Im zweiten Experiment war die Nachricht entweder an alle (!) Freunde des eigenen Netzwerkes gerichtet oder nur an solche, die es interessieren könnte. Nach dem Posten wurden die Teilnehmenden von einer  Doktorandin um Hilfe bei einer kleinen Aufgabe gebeten, die etwa 5 Minuten dauern sollte. Das Ergebnis: diejenigen, die den Post undifferenziert an alle Freunde richten sollten, erklärten sich weniger oft dazu bereit als solche Teilnehmenden, die sich an ein bestimmtes Publikum richten sollten oder gar keinen Post veröffentlicht hatten.

Und jetzt werden wir alle langsam und schleichend zu Egoisten?
Ich habe an anderer Stelle schon einmal versucht, einige Ergebnisse aus der Forschung zu den Auswirkungen der Facebook-Nutzung auf unsere Befindlichkeit und Psyche zusammenzufassen, mit dem (vorläufigen) Ergebnis: Effekte können positiv oder negativ sein – es kommt immer ganz darauf an,  WAS man eigentlich auf Facebook tut. Vor diesem Hintergrund möchte ich darauf hinweisen, dass man auch bei dieser Studie unbedingt im Hinterkopf behalten sollte, welche Art von Verhalten (auf Facebook oder in anderen sozialen Medien) hier betrachtet wird. Wie sind eure Erfahrungen damit? Habt ihr nicht auch beim Posten von Informationen oft schon einige bestimmte Leute im Kopf, die das interessieren und darauf reagieren könnten? Wie sieht das aus, wenn denn Interaktion stattfindet? Wenn aus einem Monolog ein Dialog oder sogar eine ganze Gruppendiskussion wird? Verschiebt sich dann der Fokus wieder auf die anderen? Man merkt vielleicht, dass ich hier gerade versuche, diese Ergebnisse in Einklang mit meinen persönlichen Erfahrungen zu bringen (eigentlich sehr unwissenschaftlich, pfui!), nach denen die Altruisten im Netz überwiegen :).

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Quelle:

Wen-Bin Chiou, Szu-Wei Chen, and Da-Chi Liao (2013). Does Facebook Promote Self-Interest? Enactment of Indiscriminate One-to-Many Communication on Online Social Networking Sites Decreases Prosocial Behavior. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking.

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