Journalisten in sozialen Medien: sympathisch aber unprofessionell?

Vor allem unter den jüngeren der Zunft der Journalisten ist es gängig geworden, eigene Arbeitserzeugniss über soziale Medien zu verbreiten und sich in diesem Kontext auch selbst zu präsentieren – je nachdem welche Studie man zu Rate zieht, sind dies etwa 70 – 80% (guckst du hier oder hier). Das Ziel ist oft Personal Branding, eine vor dem Hintergrund der immer stärker zunehmenden Praxis der freischaffenden, selbstständigen Mitarbeiter eine mehr als notwendige Maßnahme. Immer mehr Konsumenten „folgen“ auch Journalisten direkt online – als eine Möglichkeit, um über aktuelle Geschehnisse auf dem Laufenden zu bleiben (Quelle). Aber hat das tatächlich nur positive Effekte?

Social Media vs. klassische Journalistenrollen

Die klassische Rolle der Journalisten reflektiert eine objektive Instanz, eine unabhängige Quelle mit hoher Glaubwürdigkeit. Die Natur sozialer Medien als partizipativer Raum mit hohem Transparenzbedürfnis der Teilnehmenden verändert die Rollen der Medien an sich und damit natürlich auch die der Medienmacher (auch klassischer Medien) – denn (Überraschung!) auch Journalisten sind Menschen. In kaum irgendeinem Medium wird dies so deutlich wie auf Facebook und Co. Der omnipräsente Dialog wird persönlicher; Selbstdarstellung und Selbstoffenbarung sind nicht mehr wegzudenkende Teile dieses Prozesses, der augenscheinlich nicht mit der klassischen Objektivität von Journalisten vereinbar ist.

Viele denken jetzt sicherlich an die generelle Debatte rund um mögliche Qualitätsverluste, die der Online-Journalismus an sich mit sich bringen soll (auch gern „online gegen print“ genannt). Die persönliche Darstellung der eigenen Person und der eigenen Arbeit ist aber meiner Meinung nach an anderer Aspekt – und wie die folgende Studie zeigt, hat die Veränderung der Wahrnehmung von Journalisten durch soziale Medien nicht zwingend etwas mit der Qualität ihrer Arbeit zu tun.

Social Media Aktivität macht sympathischer, aber….

Wie wirkt sich die „typische“ Nutzung sozialer Medien durch Journalisten darauf aus, wie diese von Potentiellen Lesern wahrgenommen werden?

Dies war die grundlegende Fragestellung eines Experiments aus Pennsylvania, in welchem die Versuchsteilnehmenden eine Facebook-Seite eines Journalisten bewerten sollten. Auf dieser Seite hatte der Profilinhaber einen Verweis zu seinem letzten Artikel geposted (um die Ergebnisse nachher besser generalisieren zu können, wurden verschiedene wirtschaftliche und politische Artikel-Themen genutzt).

Die Forscher variierten, ob der Journalist lediglich den Link postete oder dazu ein Statement verfasste (welches persönlich war, aber keine klare Stellungnahme zum Thema enthielt). Auf diese Weise wollten die Forscher untersuchen, welchen Einfluss das Preisgeben persönlicher Informationen auf die Bewertung des Journalisten hat. Um weiterhin zu untersuchen, wie sich interaktives Verhalten auf die Bewertung auswirkt, wurde variiert, ob der Journalist auf die verschiedenen Nutzerkommentare zum Post reagierte (Liken oder Beantworten) oder eben nicht.

Die Ergebnisse: Das persönliche Statement und die Interaktion mit anderen Nutzern machte den Journalisten auf persönlichen Dimensionen sympathischer (z.B. vertrauenswürdiger und attraktiver). Ähnlich sympathisch wurde dadurch auch das Medium – also die Nachrichtenseite, auf der der Artikel erschienen war – evaluiert.

Bei der Betrachtung von professionellen Bewertungsdimensionen zeigte sich jedoch: Interaktion – also Beantwortung von Nutzerkommentaren – machte den Journalisten in der Wahrnehmung der Leser und Leserinnen weniger kompetent und professionell; genau das gleiche passierte in Bezug auf die Nachrichtenseite, die er vertrat.

Das zweischneidige Schwert – aber wie lange noch?

Die Studie – wenn auch nicht hierzulande durchgeführt – illustriert eigentlich sehr gut, wie sehr die digitalen Medien die Wahrnehmung von klassischen Medienrollen verändert. Interessant ist hier vor allem, dass dies unabhängig von der Qualität der eigentlichen Arbeit passiert, denn keine/r der Teilnehmenden hatte den kompletten Artikel überhaupt lesen können. Persönliche Teilnahme und Interaktivität machen Medienvertreter „anfassbarer“ und sympathischer, gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob man dadurch auf Dimensionen der beruflichen Kompetenz schlechter weg kommt. Falls dem so ist, wären die sozialen Medien in Hinsicht auf die beruflichen Möglichkeiten für Journalisten ein sehr zweischneidiges Schwert (so im Übrigen auch der Titel des Originalaufsatzes): Chancen für Reichweite, Personal Branding und direkten Kontakt zu Lesern, dafür Einbußen im Hinblick auf die objektive Autorität?

Daran knüpft eigentlich auch direkt die Frage nach veränderten Anforderungen an zeitgemäße Medienkompetenz an – was erfordert es heutzutage, qualitativ hochwertige journalistische Inhalte von Schlechten zu unterscheiden. Sollte die Bewertung nicht vom Inhalt ausgehen statt darauf zu basieren, wie dieser verpackt ist? Tut sie nicht und hat sie noch nie, aber gerade vor dem Hintergrund der täglich größer werdenden Info-Flut online ist das Thema einfach zu wichtig, um es nicht wenigstens hier zu nennen.

Und ist es eventuell möglich, dass die oben dargestellten Ergebnisse mit zunehmender Gewöhnung an interaktive Medien abnimmt? Auch wenn man sich gern dagegen wehren möchte, dass wir uns wohlmöglich immer noch in diesem Gewöhnungsprozess befinden (für manche existiert das „Neuland“), wann wird dies zum absoluten Standard? Ist es das vielleicht schon? Sind dann immer noch die unprofessionell, die sich um ihre Leser kümmern oder die, die genau dies nicht tun?

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