Internetnutzung von Jugendlichen – es ist verdammt kompliziert

In diesem Review-Post möchte ich ein Buch vorstellen, welches mich kürzlich sehr beeindruckt hat, weil es meinem Empfinden nach sehr besondere Einblicke gewährt – in das Phänomen Internetnutzung von Jugendlichen und damit verbundene Problematiken in Erziehung und Bildung.

Bevor ich jedoch zu diesem Buch komme, will ich noch kurz über ein anderes Buch sprechen. Ich weiß nicht, wer von euch sich evtl. seit seinem Erscheinen vor 2 Jahren das „spitzfindige“ Werk (non-affiliate Link) über die fortschreitende geistige Umnachtung durch digitale Medien zu Gemüte geführt hat. Ich muss gestehen, ich war ein wenig enttäuscht. Nicht, weil ich als digitale Eingeborene nicht prinzipiell offen für mögliche Gefahren und Nachteile dieser Technologien bin, sondern weil diese doch eher einseitige Betrachtung ein relativ weltfremdes Fazit zieht: Digitale Medien sind scheiße. Für unsere Kinder. Für unsere Köpfe. Für uns alle. Also lassen wir das doch einfach mit dem Internet und Co? Das scheint (und ich nehme mir hier jetzt einfach mal raus, das so zu sagen) wenig praktikabel. Stellungnahmen anderer Fachkundiger dazu, die nicht nur darstellen, auf welch dünnem empirischen Eis dieses Fazit von Herrn Spitzer steht, treffen den Kern dessen was mich an der Idee stört:

„Wichtig erscheint mir, dass Erziehungspersonen die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen nicht von vorneherein verteufeln, denn dann wird es schwer, ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen Internet zu sein“. (Markus Appel)

Dieser kleine Rant dient hier eigentlich erst einmal nur dazu zu verdeutlichen, warum mich das Buch über das ich hier eigentlich sprechen will, so begeistert hat. „Digitale Demenz“ bietet keine Lösung des „Problems“ Jugendliche und Internet – und das tut das folgende Werk auch nicht. Vielmehr stellt es das Vorhandensein entsprechender Probleme an vielen Stellen in Frage bzw. macht deutlich, dass das eigentliche Problem oft in der Betrachtung Außenstehender (z.B. Eltern) liegt. Es bereitet den Grund für Problemlösungen, die auf Verständnis basieren, im Gegensatz zur unkomplizierten, unreflektierten Ablehnung. Unbequemerweise aber führt der Weg „Verständnis“ über Umwege, zeichnet ein komplexes Wechselbild zwischen Medien, Gesellschaft, Pubertät und sozialem Umfeld und ist – so der Titel des Buches – kompliziert.

Die Autorin von „It’s complicated“ – danah boyd – (selbst Mutter) ist das, was man wohl am ehesten als „Early Adopter“ bezeichnen würde. Beim Lesen wird klar, die Dame hat sich nicht nur wissenschaftlich (und das tut sie bereits sehr erfolgreich seit Jahren an unterschiedlichen Stellen, z.B. bei Microsoft Research und der NYU) sondern auch persönlich mit dem Phänomen Internet auseinandergesetzt. Rückbezüge zu Friendster, MySpace und 4Chan machen deutlich, dass danah damals wie heute im Internet zu Hause ist und darauf basierend nicht nur „Offlinern“ spannende Einblicke gewährt, sondern auch anderen Early Adoptern (ich zähle mich dazu) den Paradigmenwechsel der Kommunikation in digitalen Medien seit den 80er und 90er Jahren sehr deutlich macht – will sagen: hier ist auch für Kenner noch was zu holen, zumindest ging es mir so!

Nehmen wir als Beispiel den Punkt Privatsphäre. Wie viele Eltern sind besorgt darüber, was ihre Sprösslinge auf Facebook, twitter oder tumblr so alles preisgeben und damit – so scheint es – völlig auf Privatsphäre verzichten. Basierend auf dutzenden qualitativer Interviews mit Teenagern unterschiedlicher sozialer Hintergründe seit 2007 erklärt boyd dieses Phänomen mit einem Wechsel der Default-Privatsphäre-Einstellungen. Hatten wir uns früher (pre-Social Media) in der Regel aktiv zu entscheiden, welche Information wir (bis zu weltweit) publizieren sieht es heute so aus, dass aktive Handlungen notwendig sind um die Reichweite von publizierten Informationen zu begrenzen (z.B. durch Einrichten von Kontaktlisten etc.) – der öffentliche Raum wird zum Default-Setting. Aus ihren Gesprächen zieht boyd das Fazit, dass viele Teenager den Großteil der Informationen, die sie im Web teilen nicht als persönlich oder kritisch genug empfinden, um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen – ihrem Empfinden nach besteht in diesem Fall keine Notwendigkeit, etwas am Default-Setting zu ändern.

boyds Betrachtung klärt zunächst die Grundlegende Frage, warum Jugendliche so sehr auf Social Media abfahren – mit dem Ergebnis, dass die Antwort möglicherweise gar nicht so sehr im digitalen sondern im Offline-Umfeld zu finden sind. Die Autorin nimmt sich nicht nur die wohl für Eltern wichtigsten Themen digitaler Medien vor – Privatsphäre, Sucht, sexuelle Übergriffe und Bullying – aber auch solche Themen, über die man einfach sprechen muss um das Phänomen in seiner Gänze zu erfassen, darunter Identität und Medienkompetenz: Social Media als „privater Raum“ für Jugendliche, warum häufige Nutzung nicht immer gleich ein pathologisches Verhalten darstellt, was „Bullying“ von „Drama“ unterscheidet und warum das Konzept „digital native“ eine unangemessene Verallgemeinerung mit möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen darstellt.

boyd bleibt zwar größtenteils anekdotisch mit vielen konrekten Beispielen aus ihren Interview, untermauert aber doch die wichtigsten Statements mit weiteren Ergebnissen aus der Forschung. Obwohl viele Studien und damit auch besondere Merkmale des Umfelds von Jugendlichen wie boyd sie beschreibt, auf den US-amerikanischen Raum zugeschnitten sind, halte ich die Schlussfolgerungen für hierzulande nicht weniger wichtig. Ich muss zugeben, dass mir die Abhandlung einer brisanter Themen wie Bullying und sexuelle Übergriffe an einigen Stellen etwas zu beschönigend ausfällt, was z.B. Prävalenz und die entsprechenden Konsequenzen angeht. Hier scheint das Ziel ein Plädoyer zu sein, sich den jeweiligen Sachverhalt ganz genau anzuschauen und abzugrenzen, statt auf Basis der „Medien-Panikmache“ in eine Obsession über Gefahren zu verfallen, die so in der Realität gar nicht bis selten vorkommen (sehr interessant hierzu auch einer von boyds Blogartikeln). Finde ich im Ansatz sinnvoll, aber man hätte mit diesen Themen noch weitere Bücher füllen können, die ggf. auch auf die Konsequenzen und Lösungen für die tatsächlich vorkommenden Fälle eingehen.

Mein persönliches Fazit: Sehr lesenswertes Buch, das dabei helfen kann ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen Medien zu werden, indem es Einblicke in die Gedankenwelt von Jugendlichen im Internet bietet – ohne zu verteufeln.

Für Interessierte: es gibt eine open access Version von „It’s complicated“ um Download, aber auch ein Kauf (non-affiliate link) lohnt sich meines Erachtens in jedem Fall.

Anmerkung: Ich möchte noch ergänzen, dass ich auch „Digitale Demenz“ durchaus lesenswert fand, aber eher vor dem Hintergrund der Frage wo der Einsatz von digitalen Medien in seiner konkreten Form noch einmal überdacht werden könnte.

 

 

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