Schnipp schnapp, Daumen ab – Forschung zu Social Media: Ein schmaler Grat

Mir ist ja letztens ganz kurz das Herz stehen geblieben, als bekannt wurde dass Facebook die Like-Funktion abschaffen würde…bis klar wurde – war ja klar – dass dieses Thema mal wieder heißer gekocht als gegessen wurde. Vor persönlichem und wissenschaftlichem Hintergrund macht es mich aber nachdenklich.

Ich erkläre vielleicht mal kurz, warum diese Nachricht mir im ersten Moment solch einen Schrecken eingejagt hat – der Like-Button ist das Thema meiner Dissertation (mit der ich momentan im Übrigen sehr viel Zeit verbringe). Würde diese Funktion grundsätzlich abgeschafft wäre das meiner Meinung nach nicht nur unsäglich dumm sondern für mich persönlich aus o.g. Grund auch ein klitzekleines Problem. Aber wie wir nach den ersten Hiobsbotschaften erfahren durften, betrifft es nur externe Seite und die Funktion bleibt die gleiche – sie sieht nur anders aus.

Aber der Schock brachte mich doch zum Nachdenken: Wird Forschung zu digitalen Technologien betrieben, kann man sich je nach Disziplin ja aus unterschiedlichen Richtungen nähern. Geht es um die konkrete Anwendung oder um dahinterliegende, grundlegende Mechanismen und Theorien? Möchte ich wissen, wie sich die Sternchenbewertung bei Amazon auf das Kaufverhalten auf der Plattform auswirkt oder möchte ich wissen, wie Menschen generell auf kumulierte Bewertungen reagieren? Kommt man von Seite 1, sind die entsprechenden Ergebnisse für die konkrete Anwendung und den Moment überaus passend und wahrscheinlich sehr nützlich – aber sind diese Ergebnisse auch auf andere Systeme anwendbar und in einem halben Jahr noch zu gebrauchen? Heute gibt es den Daumen noch, morgen ist er vielleicht schon weg.

Hier setzt ein Punkt an, den vor einiger Zeit Nicole Ellison von der University of Michigan und danah boyd von Microsoft Research thematisiert haben und den ich auch damals schon einmal angerissen hatte: nicht nur einzelne Anwendungen sondern auch ganze digitale Umgebungen und mir ihnen verbundene soziale Mechanismen und Normen verändern sich so wahnsinnig schnell, dass die akademische Forschung kaum hinterher kommt (jahaaa, Peer Review-Prozesse dauern lang). Es macht daher wenig Sinn, sich auf vereinzelte – grad im Moment hippe – Funktionen zu stürzen und versuchen zu verstehen wieso diese grad soviel Buzz generieren, wenn das ganze Ding in einem halben Jahr sowieso wieder anders aussieht. Besser: Entsprechende Mechanismen versuchen zu generalisieren und vor allem das System in seinem Zustand zum jeweiligen Zeitpunkt genau beschreiben, damit die Anwendbarkeit auf andere, möglicherweise veränderte Systeme nachvollzogen werden kann.

Warum zur Hölle, fragt man sich (oder ich mich), habe ich mich dann dazu entschieden, über die Like-Funktion zu promovieren? Weil ich denke – und hieraus resultierte auch mein anfänglicher Unglaube über die angebliche Abschaffung – dass das grundlegende Konzept dieser Funktion weiter und noch lange Bestand haben wird. Ob das nur „like“, „gefällt mir“, „vind ich leuk“ oder wie auch immer heißt und ob es auf Facebook oder wo auch immer stattfindet: Die öffentlich sichtbare Evaluation (und damit Verbindung) mit einer Sache, einem Menschen, einem Produkt um anderen mitzuteilen was wir gut finden – Mehrwert für den User, schöne Möglichkeiten fürs eWOM. Und daher hoffe ich auch, dass ich mit meiner Arbeit (to come in 2014…..WAH, jetzt habe ich es verschriftlicht, jetzt wird es real) auch in 3 Jahren noch einen Mehrwert beitragen kann :)

So, den ersten Schreck habe ich also verdaut…was waren eure ersten Gedanken als ihr von der „Abschaffung des Daumens“ gehört habt?

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