Facebook’s Stimmungs-Experiment und Forschungsethik

Seit gestern stürzen sich Medien auf eine Studie von Facebook Data Science und deren ethische Konsequenzen – ist es ok, für die Forschung etwas so zu manipulieren, dass es unsere Stimmung verändert?

Das kürzlich in den „Proceedings of the National Academy of Science“ veröffentlichte Paper des Facebook Data Science Teams in Zusammenarbeit mit Forschern verschiedener Universitäten beschreibt, wie im Januar 2012 der Facebook Newsfeed von ca. 700.000 Usern so manipuliert wurde, dass Postings von Freunden mit entweder positiver oder negativer Stimmung überwogen.  Das Ergebnis: die Stimmung von Freunden wirkte sich auf die eigene aus – zumindest soweit die Valenz der darauf folgenden eigenen Postings darauf schließen ließ.

Es waren dieses Mal nicht die Ergebnisse, sondern die Vorgehensweise, die in der Öffentlichkeit (und auch seitens der Wissenschaft) breite Kritik erntete. Die einen sagen: Facebook hat kein Recht, den Newsfeed ohne das Wissen der Nutzer in dieser Weise zu manipulieren; die anderen sagen: Facebook manipuliert den Newsfeed ohnehin – letzteres im Übrigen eine Tatsache, die vielen Nutzern so gar nicht bewusst zu sein scheint. Dieses Problem scheint also sehr vielschichtig zu sein und neben der offensichtlichen Frage nach der Privatsphäre und dem Datenschutz bzgl. der resultierenden Postings stellt sich das Problem: ist es zulässig, dass Facebook den Newsfeed in dieser Weise manipuliert, ohne die davon betroffenen Nutzer im Vorfeld darüber zu informieren?

Da ich selbst mich in meiner Dissertation mit Facebook und dem Like-Verhalten (und der Frage, wie Social Context sich darauf auswirkt) befasse, habe ich mich gerade noch mit den Richtlinien der psychologischen Forschung auseinandergesetzt, die sich mit dem Thema Experiment und „Informed Consent“ (also der expliziten Zustimmung zur Teilnahme an einem solchen) befassen.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie sagt:

„Die Voraussetzung dafür, dass Psychologen persönlich, auf elektronischem Weg oder mit Hilfe anderer Kommunikationsformen Forschung durchführen, ist die persönliche Einwilligung der an der Forschung teilnehmenden Personen.“

Allerdings gibt es dafür auch Ausnahmen:

„Psychologen können auf eine auf Aufklärung basierende Einwilligung nur dann verzichten (1)  wenn vernünftigerweise davon ausgegangen werden kann, dass die Teilnahme an der Forschung keinen Schaden oder kein Unbehagen erzeugt, die über alltägliche Erfahrungen hinausgehen…“ (Deutsche Gesellschaft für Psychologie)

„Psychologists may dispense with informed consent only (1) where research would not reasonably be assumed to create distress or harm….“ (American Psychological Association)

Bedenkt man, dass die Manipulation des Newsfeed augenscheinlich bei den Betroffenen auch traurige bzw. negative Stimmung hervorgerufen hat, wäre anzunehmen, dass eine Einwilligung hier angebracht wäre. Kein Problem, denn im Artikel selbst heißt es:

As such, it was consistent with Facebook’s Data Use Policy, to which all users agree prior to creating an account on Facebook, constituting informed consent for this research.

Laut Facebook Deutschland beinhaltet die Data Use Policy folgende Info

Zusätzlich zum Unterstützen der Nutzer beim Ansehen und Herausfinden der Dinge, die du machst und teilst, können wir beispielsweise die über dich erhaltenen Informationen folgendermaßen verwenden:[…] für interne Prozesse, u. a. Fehlerbehebung, Datenanalyse, Tests, Forschung und Leistungsverbesserung.

Also, alles easy? Es heißt nicht umsonst Informed Consent:

„Beim Einholen der auf Aufklärung basierenden Einwilligung klären Psychologen die teilnehmenden Personen über folgende Sachverhalte auf: (1) den Zweck der Forschung, die erwartete Dauer der Untersuchung und das Vorgehen; (2) ihr Recht darauf, die Teilnahme abzulehnen oder sie zu beenden, auch wenn die Untersuchung schon begonnen hat; (3) absehbare Konsequenzen der Nicht-Teilnahme oder der vorzeitigen Beendigung der Teilnahme; (4) absehbare Faktoren, von denen man vernünftigerweise erwarten kann, dass sie die Teilnahmebereitschaft beeinflussen, wie z.B. potentielle Risiken, Unbehagen oder mögliche anderweitige negative Auswirkungen, die über alltägliche Befindlichkeitsschwankungen hinausgehen…“ (Deutsche Gesellschaft für Psychologie)

(a) When obtaining informed consent as required in Standard 3.10, Informed Consent, psychologists inform participants about (1) the purpose of the research, expected duration and procedures; (2) their right to decline to participate and to withdraw from the research once participation has begun; (3) the foreseeable consequences of declining or withdrawing; (4) reasonably foreseeable factors that may be expected to influence their willingness to participate such as potential risks, discomfort or adverse effects“ (American Psychological Association)

Es sollte also klar werden, selbst wenn man durch Eintritt zustimmt, dass die eigenen Daten für die Forschung bei Facebook verwendet werden, gibt es eine Grenze bei der die entsprechenden Konsequenzen für die teilnehmenden Nutzer in Betracht gezogen werden müssten. Ist also das Erzeugen negativer Stimmung beim Nutzer etwas, das als Konsequenz im Vorfeld mitgeteilt werden müsste (z.B. in Form von „Unbehagen“ oder „Discomfort“) oder läuft das unter alltägliche Befindlichkeitsschwankungen?

Forschung von Facebook Data Science zeichnet sich nach meiner bisherigen Erfahrungen jenseits der offensichtlichen Frage nach dem Datenschutz durch eine sehr hohe Qualität aus, aber hier scheint man eine Grauzone betreten zu haben (und wer weiß, was da noch kommt ;)). Wenn man Psychologen beschäftigt und in Fachzeitschriften publiziert, ist eine Orientierung an den Richtlinien eigentlich unerlässlich. Reicht das Urteil eine „local review boards“ oder müssten bei solchen Ausmaßen (Unternehmens-)externe Ethik-Komissionen eingeschaltet werden? Sicher lässt sich die „Richtigkeit“ der Studie anhand der Forschungsrichtlinien anscheinend nicht feststellen.

So, I think it’s an open ethical question. It’s ethically okay from the regulations perspective, but ethics are kind of social decisions. There’s not an absolute answer.(Susan Fiske)

Auch wenn einem aus Forschersicht bei diesen Möglichkeiten der Datenerhebung das Wasser im Mund zusammenläuft, bin ich persönlich nicht überzeugt, dass das so in Ordnung war.

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