Digitaler Selbstmord: Wer ihn begeht und warum

Virtuelles abkapseln von Hunderten von Freunden, keine Statusmeldungen, keine Geburtstagserinnerungen und keine Partyeinladungen mehr über Facebook. Das Löschen des eigenen Profils im sozialen Netzwerk ist eine Entscheidung, die heutzutage gerade unter den „digital natives“ nicht unbedingt auf viel Verständnis trifft. Eine neue Studie gibt Aufschluss über mögliche Gründe, digitalen Selbstmord zu begehen.

Es war noch während meiner Studienzeit, als ich beobachten konnte wie immer mehr Freunde und Bekannte Ihren Abschied von StudiVZ erklärten. Der Grund: Facebook. Warum auf zwei Plattformen Netzwerke pflegen und Daten freigeben, wenn diese eigentlich den gleichen Zweck erfüllen? Letztendlich habe auch ich mich diesem „Movement“ angeschlossen, weil mir das parallele Netzwerken zu anstrengend wurde. Facebook erlaubte darüber hinaus das Vernetzen mit internationalen Freunden und Kollegen. Der Grund für meinen digitalen Selbstmord war schlichtweg: Ich brauchte die Plattform nicht mehr, es gab ja noch genügend andere.

Negative Konsequenzen?
Immer mehr Nutzer/innen tendieren allerdings dazu, sich komplett aus den virtuellen Freundesnetzwerken zu verabschieden. In der heutigen Zeit sind mögliche Konsequenzen eine schlechtere Erreichbarkeit, das Verpassen wichtiger Neuigkeiten und Ereignisse. Im schlimmsten Fall droht soziale Isolation (wobei man sich dann auch mal fragen sollte, was das eigentlich für „Freunde“ waren mit denen man da „befreundet“ war).

Der Ausstieg
Digitaler Selbstmord ist jedoch gar nicht so einfach. Ein schon etwas älterer Artikel im Unispiegel über den digitalen Ausstieg liest sich wie das Tagesbuch eines Drogenentzugs. Warum nimmt jemand so etwas auf sich? Was macht das Leben mit der digitalen Identität für manche so unerträglich, dass sie beseitigt werden muss? Eine aktuelle Studie von Psychologen der Universität Wien gibt Aufschluss über diese Fragen.

Die Gründe
Die Autoren der o.g. Studie rekrutierten zwei Stichproben (insgesamt 600 Personen, jeweils vom Teenager- bis ins Rentenalter) von aktuellen und ehemaligen Facebook-Nutzern und verglichen sie hinsichtlich verschiedener Aspekte.

Das Ergebnis: Facebook-Aussteiger äußerten mehr Bedenken bzgl. des Datenschutzes auf Facebook, sie zeigten höhere Tendenzen zu pathologischer Internetnutzung und sie waren gewissenhafter als Facebook-Nutzer. Zudem sind Facebook-Aussteiger tendenziell älter.

Zusätzlich wurden die Aussteiger konkret nach ihren Gründen gefragt (absteigend nach Nennungshäufigkeit):

  • Sorge um den Umgang mit persönlichen Daten (fast 50%)
  • Allgemeine Unzufriedenheit mit der Plattform (z.B. das Gefühl, zu viel Zeit damit zu verschwenden)
  • Negative Gefühle in Bezug auf das Freundesnetzwerk (z.B. Kommunikations-„Zwang“)
  • Die Angst, eine Abhängigkeit zu entwickeln

Ein Abgleich mit den Fragebogendaten ergab sich, dass die genannten Gründe tatsächlich mit den oben genannten Eigenschaften der Aussteiger zusammenhingen.

Fazit: Sorge um die eigenen Daten, Unzufriedenheit und der Ausstieg als „Notbremse“
Einer der Hauptgründe für digitalen Selbstmord scheint das Gefühl zu sein, dass die Daten bei Facebook nicht sicher sind (wie die wohl darauf kommen?). Diese Sorge fällt also stärker ins Gewicht als die möglichen negativen Konsequenzen, die mit dem Facebook-Austritt verbunden sein können.

Andere Gründe lassen darauf schließen, dass für einige Aussteiger das Facebook-Erleben selbst gar nicht mehr so positiv ist. Die Tendenz zu pathologischem Verhalten und negative Gefühle in Bezug auf die Interaktion auf der Plattform erklären, warum jemand sich diesem entziehen möchte. Im Falle von Sucht-ähnlichem Verhalten könnte man es wohl mit „die Notbremse ziehen“ umschreiben, wobei hier möglicherweise der Aspekt Gewissenhaftigkeit (s.o.) eine Rolle spielen könnte.

Jeder sollte für sich selbst entscheiden dürfen, ob er/sie dem Netzwerk-Kult erliegt oder daraus aussteigt. Wichtig ist dafür zu sorgen dass der digitale Selbstmord nicht gleichzeitig soziale Isolation im „realen“ Leben nach sich zieht. Meiner persönlichen Meinung nach sollte Facebook maximal einen Kanal darstellen, auf dem Freund- und Bekanntschaften zusätzlich zur face-to-face Interaktion gepflegt werden. Es sollte nicht soweit kommen, dass die Online-Interaktion diese ersetzt (berufliche Nutzung ist davon getrennt zu betrachten).

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