Das generische Femininum – was wird „Herr Doktorin“ verändern?

An der Universität Leipzig gilt in Zukunft die weibliche Berufsbezeichnung für beide Geschlechter. Als ich das las musste ich zugegebenermaßen kurz den Drang unterdrücken, zu applaudieren. Nicht weil ich als Vertreterin der schreibenden Zunft masochistisch veranlagt bin und den ganzen Tag nichts lieber tue, als genderneutrale oder -umfassende Formulierungen zu finden, die das generische Maskulinum umgehen. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich die „Frau Salzstreuerin, jetzt wird es langsam lächerlich“-Seite nicht zumindest ansatzweise verstehe. Aber ich möchte spekulieren, dass dies nicht nur der Sprache sondern auch unserem Denken ein nettes Schnippchen schlagen könnte – mit weitreichenderen Konsequenzen.

Politisch korrekte Schreibweise kann anstrengend und unleserlich sein (gebe ich zu) und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, aus folgenden Gründen meine Dissertation auf englisch zu verfassen:

  • beide Geschlechter umfassende Bezeichnungen („Beschäftigte“) sind rar
  • der eigentlich sehr kreative wahllose Austausch männlicher und weiblicher Bezeichnungen innerhalb eines Textes ist in vielen Fällen unpässlich (Bei „Studienteilnehmerinnen“ ist ganz klar nur der weibliche Teil der Stichprobe gemeint, oder?)
  • die bequeme Version, nämlich die Verwendung rein männlicher Bezeichnungen (mit einem  Hinweis darauf, dass es für beide Geschlechter steht) ist vor dem Hintergrund psychologischer Prozesse nicht unbedingt sinnvoll

„Mann“ lesen – „Mann“ denken?

Unsere Sprache und unser Denken sind natürlich eng miteinander verknüpft. Männliche Bezeichnungen aktivieren kognitive Bilder von männlichen Menschen. Auch wenn das generische Maskulinum als umfassende Bezeichnung ziemlich lang in war, so ganz umfassend wie angedacht ist es vielleicht gar nicht. Es geht hier also nicht nur um „korrekt“ sondern auch um „was macht das mit uns?“.

Diese oft unbewussten Prozesse werden dann ad absurdum geführt wenn man es mal anders herum probiert. „Herr Doktorin“ klingt komisch, oder? Und schon fangen wir an, nachzudenken. Und durch Nachdenken können wir sogar unmittelbare, automatische Reaktionen unterdrücken bzw. revidieren – was durchaus sehr sinnvoll sein kann.

Was Stereotype(innen) mit uns machen

Frauen und Männer werden nicht gleich wahrgenommen, und das liegt nicht nur daran, dass wir tatsächlich oft unterschiedliche Verhaltensweisen zeigen. Auch Männer und Frauen die das gleiche tun, werden unterschiedliche beurteilt – denn Geschlechter und Rollen sind mit Stereotypen behaftet, die unsere Wahrnehmung beeinflussen.

Stereotype sind erstmal etwas ganz natürliches und dienen dazu, die Flut von Informationen die auf uns einprasselt irgendwie zu bändigen – wir sehen/hören/nehmen etwas wahr und stecken es in eine Schublade, damit wir wissen womit wir es zu tun haben. Problematisch wird es, wenn diese Schubladen negativ behaftet sind oder ungerechtfertigte Konsequenzen nach sich ziehen. Gerade im Beruf oder beim Thema Führungspositionen bringt Stereotypisierung oft Nachteile mit sich – nicht selten für Frauen. Frauen und Männer führen anders, oft aber werden Führungseigenschaften immer noch mit typisch männlichen Charakteristika in Verbindung gebracht (Think Manager Think Male) – „Nichtpassung“ mit dem Stereotyp wird bestraft. Darüber hinaus besteht natürlich jederzeit die Gefahr, durch das aktivierte Stereotyp die Eigenschaften der jeweiligen Person außer Acht zu lassen. Will also sagen: Frau ist nicht gleich Frau und Mann ist nicht gleich Mann.

Und jetzt?

Jetzt fangen zum Beispiel einige an, Ratschläge zu geben, wie sich weibliche Bewerber im Netz am besten der „richtigen“ (also männlichen) Verhaltensweise anpassen („Bitte keine peinlichen weiblichen Hobbies wie Yoga“) und ich finde es überaus verständlich, dass man sich darüber aufregt. Ist das die richtige Baustelle? Wo sind die Seminare und Ratgeber, die dabei helfen, aktiv Stereotype zu unterdrücken bzw. zu hinterfragen, wie „fair“ mein erster Eindruck wohl war?

Ein erster Schritt in diese Richtung ist, sich diese automatischen Prozesse bewusst zu machen. Hinter diesem Link  verbirgt sich ein Kurzfilm eines tollen Projektes der Universität Duisburg-Essen. Bitte anklicken und überzeugen lassen!

Die oben beschriebene Initiative der Universität Leipzig könnte meiner Meinung ein Mittel sein um genau dieses Bewusstsein zu fördern. Was wird es in Zukunft es mit den Bildern in unserem Kopf machen, wenn wir nur noch weibliche Berufsbezeichnungen hören? Wird man nicht nur anfangen zu hinterfragen, ob man ein Geschlecht (egal ob das männliche oder das weibliche) stellvertretend für beide verwenden sollte sondern sich vielleicht auch Gedanken über „Passung“ in anderen Bereichen machen?

 

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