Cyberbullying – ein paradoxes Problem

Es ist erschreckend, wie oft man im privaten Umfeld auf Fälle von Cyberbullying stößt (und dabei habe ich nicht einmal eigene Kinder), angefangen von direkten verbalen Angriffen per Nachricht bis hin zur öffentlichen Bloßstellung per Video oder Bild. Ich habe die unterschiedlichsten Reaktionen auf entsprechende Berichte von Kindern und Jugendlichen mitbekommen: Bagatellisierung, Unverständnis und vor allem Überforderung. Weil mich das Thema beschäftigt, hier ein paar Gedanken dazu, warum diesem ernsten Problem so schwer beizukommen zu sein scheint.

Vorweg: Ich bin weder Mutter noch ist Pädagogik einer meiner expliziten Schwerpunkte und ich möchte mir nicht anmaßen, hier irgendwen zu belehren oder gar zu ver- oder beurteilen in Bezug auf Dinge, mit denen ich selbst sehr wenig Erfahrung habe. Trotzdem behalte ich mir auf Basis dessen was ich über das Internet weiß eine Meinung vor und wer sie findet, darf sie behalten :-)

Ist Cyberbullying „neu“?

Damit meine ich jetzt nicht die Frage nach dem ersten Aufkommen des Begriffes oder Phänomens sondern vielmehr die nach dem „alten Wein in neuen Schläuchen?“-Thematik. Ergebnisse verschiedener Studien sprechen dafür, dass es sich beim herkömmlichen Mobbing (face-to-face) und Cyberbullying um das gleiche Phänomen handelt (welches sich stufenweise an das Internet anpasst), denn*:

  • Online-Opfer und -Täter kennen sich häufig
  • Die Betroffenheit online und offline ist ähnlich: Jungen werden öfter Opfer direkter (z.B. verbaler) Angriffe, Mädchen leiden durch indirekte Formen wie Lästern oder Abweisung
  • Die psychischen Profile von Online- und Offline-Tätern ähneln sich sehr
  • Oft werden die Rollen, die in der Schule eingenommen werden, online fortgeführt (Täter, Opfer, Mit-Täter)

Cyberbullying scheint also nicht erst durch soziale Medien und Handys entstanden zu sein, sondern kann durchaus ein Spiegel dessen sein, was im Offline-Leben passiert.

Was macht Cyberbullying so schädlich?

Auch wenn man einmal davon ausgeht, dass das Problem an sich in der Schule beginnt, zeichnet sich das Cyberbullying ja durch gewisse Eigenschaften aus, die es dem Internet schuldet:

  • Kommunikation über das Internet kann Enthemmung fördern, Empathie mit Opfern wird reduziert
  • Das Internet vergisst nicht und ist eigentlich immer präsent (mobil)
  • Bilder und Videos werden oft schlimmer empfunden als verbale Angriffe
  • Das „Teilen“ von Online-Inhalten passiert schnell und massenhaft, d.h. es ist völlig unklar, wer die eigene Bloßstellung alles zu sehen bekommt
  • Immer noch stellt Cyberbullying ein Phänomen dar, mit dem viele Eltern und teilweise sogar Lehrer schnell überfordert sind

Diese Eigenschaften sorgen gelinde gesagt dafür, dass das Mobbing vom Opfer unter Umständen als viel schlimmer empfunden wird, als es offline der Fall wäre. Die Eigenschaften des Cyberbullyings, die Allgegenwärtigkeit, die Verbreitung und die Ohnmacht in Bezug auf die Verbreitung von Materialien – all das sind Aspekte, die dazu beitragen dass ein Opfer der Situation in vielen Fällen sehr hilflos gegenübersteht. Diese Situation ist insofern gefährlich, als dass sie nicht nur kurz- und langfristig für negativen Stress sorgt, sondern vor allem auf Dauer dazu führen kann, dass man sich damit abfindet, hilflos zu sein. Nicht selten beginnt so eine Depression.

 „Einfach Stecker ziehen“ – die Lösung?

Jetzt könnte man ja sagen, um die Situation abzuschwächen muss man diejenigen Faktoren kappen, die die Situation so unerträglich machen: Abmelden bei Facebook/Instagram/Youtube/Tumblr, einfach nicht mehr ins Internet gehen. Wie kurzsichtig diese Lösung ist ist wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass das Kappen der Leitung eigentlich maximal die Symptome des Problems lindert, es aber nicht löst (denn wie oben beschrieben nehmen wir jetzt einmal an, dass Cyberbullying nicht durch das Internet entsteht sondern nur eine neue Erscheinungsform von etwas ist, was offline beginnt). Die Inhalte verbreiten sich weiter, Cyberbullying in verschiedenen Formen kann auch weiter betrieben werden, wenn das Opfer selbst nicht mehr „präsent“ ist. Dies mag zu noch größerer Unsicherheit darüber führen, was da passiert und was über die eigene Person verbreitet wird. Morgens in der Schule sitzen und alle wissen Bescheid – nur das Opfer nicht.

Man kann natürlich so argumentieren und das ist sicherlich in vielen Fällen richtig, dass sich viele schwache Formen direkter Angriffe über Nachrichten und Chats auf diese Weise vermeiden lassen. Vielleicht verliert ein Täter einfach die Lust, wenn niemand mehr zuschaut. Aber das Problem ist oft: zugeschaut – und mitgemacht – wird trotzdem. Aktuelle Studien (ich durfte der Verteidigung einer sehr geschätzten Kollegin zum Thema kürzlich beiwohnen) zeigen, dass es gerade bei der Verbreitung von diffamierenden Inhalten – die mancher als „lustig“ empfinden mag – oft um die eigene Befindlichkeit geht und selten um die des Opfers. Der/die Betroffene spielt für die Entscheidung, ein Video im Internet zu verbreiten möglicherweise gar keine Rolle, bekommt aber die vollen Konsequenzen dieser Handlung zu spüren. Hinzu kommt – und das wird zwar immer mehr, aber häufig noch viel zu wenig verstanden – dass das Internet mittlerweile zur normalen Lebenswelt gehört (ohne Wertung). Die Leitung zu kappen kann somit für die Befindlichkeit negative Effekte mit sich ziehen – denn man verliert ja nicht nur den Kontakt zu den Bullies, sondern auch zu Freunden und möglichen Supportern.

Was also tun? Eben genannte, ehemalige Kollegin gibt diverse konkrete Tipps für Eltern. Zunächst einmal muss das Phänomen überhaupt thematisiert werden, sowohl in der Schule als auch zu Hause. Dabei muss darauf aufmerksam gemacht werden, wie schnell man sich selbst „schuldig“ macht, wenn man Inhalte teilt die anderen schaden könnten. Die Reflexion der eigenen Handlungen im Netz berührt den Bereich Medienkompetenz, sodass für mich persönlich das deutliche Fazit lautet: Cyberbullying gehört als Teil des Themas soziale Medien und Internet auf die hiesigen Lehrpläne, genauso wie Privatsphäre und Informationskompetenz.

 

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*Quellen:

Jäger, R.S., Fischer, U.C., & Riebel, J. (2007). Mobbing bei Schülerinnen und Schülern in der Bundesrepublik Deutschland.

Riebel, J., Jäger, R.S., & Fischer, U.C. (2009). Cyberbullying in Germany – an exploration of prevalence, overlapping with real life bullying and coping strategies. Psychology Science Quarterly, 51 (3), 298-314.

Mora-Merchán, J.A. & Ortega-Ruiz, R. (2007). Neue Formen von Gewalt und Mobbing an Schulen. In Ortega, R., Mora-Merchán, J.A., &  Jäger, T. (Hrsg.). Gewalt, Mobbing und Bullying in der Schule: Die Rolle der Medien, Kommunen und des Internet. [E-Book] Abrufbar unter: http://www.mobbingleaks.de/media/blogs/links/zepfstudie.pdf

Slonje, R., & Smith, P.K. (2008). Cyberbullying: Another main type of bullying? Scandinavian Journal of Psychology, 49, 147–154.

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