Catfish – Geschichten über Facebook-Fakes und „falsche“ Freunde

Bereits im Herbst 2010 hat man mir ans Herz gelegt, mir diesen Film anzusehen – ein must see für alle, die sich für Online-Kommunikation begeistern. Ich habe schlappe 2 ½ Jahre gebraucht, bin aber beeindruckt und möchte jetzt auch etwas dazu loswerden. Und zur gleichnamigen Reality TV Show, die kurz darauf folgte. Dieser Post enthält gekennzeichnete Spoiler, die überlesen werden dürfen – man versteht ihn trotzdem.

Als catfish wird im amerikanischen Sprachgebrauch jemand bezeichnet, der sich online für eine andere Person ausgibt (jemanden auf diese Weise täuschen: to catfish someone).

Catfish: der Film

Der Ursprung dieses Buzzwords liegt im gleichnamigen Film von 2010, der die Geschichte eine Online-Beziehung zwischen dem Fotografen Nev aus NY und seiner Flamme Megan dokumentiert. Alles beginnt, als die kleine Abby aus Michigan mit Nev Kontakt aufnimmt, weil sie es liebt seine Fotos zu malen. Per Telefon, Internet und Post entsteht eine Freundschaft zwischen Nev und Abbys kompletter Familie – inkl. Mutter Angela und der großen Schwester Megan. Wie das so ist, Boy meets Girl, Nev verknallt sich Megan (die er noch nie getroffen hat). Im Laufe der Monate bröckelt die rosa Brille und es häufen sich kleine Ungereimtheiten in Megans Erzählungen an. Nev beschließt also, die Familie in Michigan zu besuchen. Nevs Freunde (beide Dokumentarfilmer) sind vom ersten Telefonat an mit der Kamera dabei.

–SPOILER–

Die Täuschung, der Nev erlegen ist, ist relativ einfach erklärt: Er hat niemals mit Abby (die nicht malt) oder Megan (die keinen Kontakt mehr zur Familie hat) gesprochen. Die komplette Beziehung bestand aus einem regen Austausch mit der knapp 40-jährigen Angela und der von ihr verkörperten Personen: Die Fotos von Megan stammen von der Homepage einer fremden Person, Abby selbst hat niemals eine Zeile an Nev geschrieben. Und Angela hat, so scheint es, ein Auge auf Nev geworfen.

Die Art und Weise wie der Film dieses Geheimnis aufdeckt und Angela und ihre „richtige“ Familie darstellt, ruft weder Empörung noch Spott in Bezug auf die Täuschende hervor – sondern Verständnis und auch ein wenig Bewunderung. Angela ist Stiefmutter von zwei schwerbehinderten Söhnen um die sie sich liebevoll kümmert und eine begnadete Künstlerin, die augenscheinlich eine kleine Auszeit von ihrer Realität brauchte. Auch wenn sie sich diese Auszeit auf eine moralisch etwas fragwürdige Weise nimmt (und bis zum Ende nie ganz ehrlich ist), verbleibt man als Zuschauer doch mit einem positiven Gefühl der Rührung.

–SPOILER ENDE–

Auch wenn der Film allgemein positive Kritiken bekommen hat, wird die Authentizität in Frage gestellt. Nicht so sehr der Wahrheitsgehalt der Geschichte an sich, sondern die Frage wie man es geschafft hat, rein zufällig die wichtigsten Schlüsselszenen der Story auf Video zu bannen.

Unabhängig davon trifft das Thema auf großes Interesse: Menschen verlieben sich online, obwohl sie sich noch nie getroffen und teilweise noch nie miteinander gesprochen haben.

Wie kann man sich in jemanden verlieben, den man noch nie gesehen hat?

Diese Thematik ist nicht neu und noch bis vor einigen Jahren wurde der Ursprung dieses Phänomens möglicherweise noch persönlichen Defiziten, Realitätsverlust und mangelnden sozialen Kontakten im „richtigen“ Leben zugeschrieben. Heute ist das Kennenlernen über das Internet ganz normal, wobei es hier eher an der Tagesordnung ist diese Beziehungen irgendwann in das Offline-Leben zu überführen. Aber es gibt auch Beziehungen, die diesen Sprung nicht schaffen und trotzdem als so intensiv empfunden werden, dass der Begriff „Liebe“ in diesem Kontext gern verwendet wird.

Die anonyme Kommunikation im Internet (ohne Video-Chat) hat gegenüber der face-to-face Kommunikation gewissen Defizite was die Übertragung sozialer Hinweisreize angeht. Dies hat Konsequenzen: Auf der einen Seite schaffen wir uns Ersatz-Cues, die gewisse als Nachteil empfundene Aspekte der Online-Kommunikation wieder ausbügeln (z.B. Emoticons). Auf der anderen Seite sorgen wir selbst dafür, dass das möglicherweise unvollständige Bild unseres Gegenübers komplettiert wird.

In seinem Konzept der hyperpersonellen Kommunikation beschreibt Joe Walther (im Übrigen war er es, der mir 2010 zu catfish geraten hat), wie Anonymität unsere Selbstdarstellung und Wahrnehmung im Internet beeinflussen kann. Die viel genutzte selektive Selbstdarstellung führt dazu, dass der Kommunikationspartner viel mehr Gewicht auf die tatsächlich preisgegebenen Hinweise legt und sich den Rest selbst dazu dichtet – eine idealisierte Version des Gegenübers entsteht. Anonyme Kommunikation bietet also Boden für Beziehungen, die als unglaublich intim empfunden werden können. Dazu kommen natürlich Aspekte wie Ungezwungenheit o.ä., die möglicherweise dafür sorgen, dass man sich einem anonymen Gegenüber viel stärker öffnet als man das offline tun würde.

Welche Motive hat ein catfish?

Gerade in Zeiten von sozialen Plattformen wie Facebook, in denen der durchschnittliche Nutzer in ein Netzwerk von Freunden aus dem Offline-Leben eingebettet ist, wird das Erschaffen neuer Identitäten zu einer relativ komplexen Aufgabe. Hier werden zur perfekten Tarnung möglicherweise gleich mehrere Fake-Profile erstellt (die sich gegenseitig liken, anfreunden und kommentieren), um ein realistisches Bild zu schaffen. Warum nimmt man diese Arbeit auf sich, was steckt dahinter? Ist das Motiv Besessenheit, Gemeinheit oder etwas ganz anderes?

Aufgrund der starken Resonanz zum Film hat Nev mittlerweile seine eigene Reality Show auf MTV, in der er Zuschauer/innen hilft, ihre eigene Online-Romanze ins „wahre Leben“ zu überführen. Unglücklich Verliebte melden sich und Nev sorgt für die Konfrontation bzw. das Treffen mit der/dem Geliebten – oder einer ganz anderen Person.

Den in der Serie dargestellten Täuschungen liegen ganz unterschiedliche Motive zu Grunde (die irgendwo alle schon einmal bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Online-Kommunikationsprozessen eine Rolle gespielt haben): Eskapismus, Scham, fehlendes Selbstbewusstsein oder schlichtweg Rache (Bullying-Opfer werden über das Netz zu Tätern).

Die Zuschauerin in mir ist nach dem Film übrigens etwas enttäuscht von der Serie. Wo der Film detailliert, menschlich und spannend ist, wirkt die Serie auf den ersten Blick mehr wie ein „zur Schau Stellen“ von besonders naiven Exemplaren der Gattung Mensch (Reality TV halt). Die Psychologin in mir aber giert nach der Aufdeckung oben erwähnter Motive und fiebert daher trotzdem in jeder Folge mit – muss ich einfach zugeben.

Warum eigentlich „catfish“?

Folgendes Zitat stammt von Angelas Mann (im ursprünglichen Film):

„They used to tank cod from Alaska all the way to China. They’d keep them in vats in the ship. By the time the codfish reached China, the flesh was mush and tasteless. So this guy came up with the idea that if you put these cods in these big vats, put some catfish in with them and the catfish will keep the cod agile. And there are those people who are catfish in life. And they keep you on your toes. They keep you guessing, they keep you thinking, they keep you fresh. And I thank God for the catfish because we would be droll, boring and dull if we didn’t have somebody nipping at our fin.“

So gesehen hat ein catfish also durchaus eine positive Wirkung: Jemand der dich auf Trab hält. Mit Sicherheit hat es pädagogischen Wert, bezüglich einer solchen Geschichte mal richtig auf die Schnauze zu fallen (Kriminelle Fische mal ausgenommen, das ist ein anderes Thema).

Hatte man die gezielte Täuschung durch die Macht der anonymen Kommunikation durch in der Offline-Welt verankerte Plattformen wie Facebook längst totgeglaubt? Catfish zeigt, dass es sie immer noch gibt und illustriert ein in der heutigen Zeit sogar an Relevanz gewinnendes Phänomen auf unterhaltende Weise.

Kommentar verfassen