Wir sind Facebook – Widerstand ist zwecklos: 4 Arten von Facebook-Nutzern und ihre Beweggründe

Wir tun fast jeden Tag Dinge, die wir eigentlich, wenn wir ehrlich sind, gar nicht tun wollen – weil andere es tun oder von uns erwarten. In der Sozialpsychologie nennt man das Compliance. Ergebnisse einer aktuellen Studie lassen vermuten, dass es auch mit Facebook so sein könnte. Wie viele von uns haben gar keinen Spaß auf der Plattform, können sich dem aber nicht entziehen?

Ich liebe ja diese Diskussion rund um die Frage was Facebook und ähnliche Anwendungen mit uns anstellen – psychisch, kognitiv, sozial. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien sind so divers wie die Möglichkeiten der jeweiligen Plattformen, was medienwirksame Pauschalisierung zwecks Panikmache genauso schwierig wie eigentlich unsinnig macht. Will sagen: Es gibt nie nur die eine Seite. Das habe ich ja auch schon mehrmals versucht, genauer zu erläutern: hier, hier und hier beispielsweise.

Aber natürlich gehört zur Führung dieser Diskussion auch immer, dass man sich beide Seiten anhört. Dieser Post befasst sich mit einer Studie, die eigentlich meine Aufmerksamkeit deswegen weckte, weil sie eine Analogie zu einem meiner Guilty Pleasures verwendete: Facebook als Borg-Kollektiv – wer nicht aufpasst, wird assimiliert?

Die britischen Forscher aus Derby und Wolverhampton stellten sich ursprünglich der Frage: Wie ist unser subjektives Empfinden in Bezug auf die Gratifikationen, die Facebook mit sich bringt? Sie ließen 20 Studierende ca. 50 Aussagen zu Facebook dahingehend sortieren, inwiefern diese mit dem eigenen Standpunkt übereinstimmen (die Q-Methode). Mittels Faktorenanalyse wurden 4 Typen von Nutzern mit unterschiedlichen Ansichten über das soziale Netzwerk extrahiert:

1. Die Gelegenheits-Nutzer

Die Gelegenheitsnutzer finden Facebook eigentlich gar nicht so wichtig. Es ist eine nette Methode, mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die man nicht so oft sieht. Die Gelegenheitsnutzer haben nicht den Eindruck, dass Facebook für sie selbst negative Konsequenzen hätte, könnten sich das aber für andere vorstellen, die das Netzwerk obsessiver nutzen.

2. Die Liebhaber

Die Liebhaber finden Facebook prinzipiell erst einmal total gut und das aus folgenden Gründen: Es verbessert die Laune und steigert das Selbstbewusstsein. Facebook bietet diesen Nutzern eine Umgebung, die das eigene Sozialleben entscheidend bereichert und eine tolle Ergänzung zu Offline-Freundschaften darstellt.

3. Die Hass-Liebenden

Der Hass-Liebende findet Facebook und seine Möglichkeiten eigentlich ganz gut, hat aber Angst vor und Erfahrungen mit negativen Konsequenzen. Das betrifft vor allem die Allgegenwärtigkeit von Informationen über andere, durch die man selbst auch Dinge erfährt, die man eigentlich nicht wissen will, z.B. was der/die Ex so gerade treibt.

4. Die Seven of Nines

Diese Nutzer haben prinzipiell eigentlich überhaupt keinen Spaß an Facebook. Nach ihrer Ansicht schadet Facebook bestehenden (offline) Freundschaften und streut unnötige Paranoia. Genauso werden alle, die Facebook tatsächlich gut finden, für bescheuert erklärt. Aber auch die Seven of Nines nutzen das Netzwerk – weil es ohne nicht geht. Wie Seven of Nine in der Star Trek Serie Voyager fühlen sie sich getrennt vom kollektiven Bewusstsein und der Gemeinschaft unwohl und einsam, obwohl sie genau wissen dass diese ihnen (subjektiv gesehen) nicht gut tut.

An dieser Studie bzw. diesen Ergebnissen gibt es 2 Aspekte, die mich begeistern:

a)      Sie lassen Raum für die Idee, dass Facebook für jeden Menschen ein anderes Erlebnis darstellt und entsprechend unterschiedliche Konsequenzen nach sich zieht – je nachdem wie man selbst ist und was man dort tut. Warum ich das gut finde, habe ich oben schon erklärt.

b)      Ich habe lange keine so kreative – und damit auch reißerische, gebe ich zu – Interpretation mehr in einem wissenschaftlichen Paper gelesen. Ohne dass sie den Ergebnissen irgendeinen Abbruch tun. Ein bißchen Spaß muss sein ;-)

Welcher Nutzertyp seid ihr?

 

Referenz: Lisa J Orchard, Chris Fullwood, Neil Morris, and Niall Galbraith. Investigating the Facebook experience through Q Methodology: Collective investment and a ‘Borg’ mentality New Media & Society, doi:10.1177/1461444814530099

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